Zwei kräftige Hunde springen einander mit geöffneten Mäulern an

Unverträglichkeit zwischen Hunden: wenn Sozialkontakt kippt

Unverträglichkeit kommt nicht einfach von schlechter Erziehung oder fehlender Sozialisation. Viele Hunde hatten in ihrer Jugend viel Hundekontakt und werden trotzdem irgendwann unverträglich. Wenn man genau hinschaut, gibt es dafür meistens sehr logische Gründe.

Was ist überhaupt Unverträglichkeit?

Unverträglichkeit zwischen Hunden kommt nicht einfach von schlechter Erziehung oder fehlender Sozialisation. Unglaublich viele Hunde, die sehr viel Hundekontakt in ihrer Jugend hatten, werden „auf einmal“ unverträglich. Es ist eine Form sozialer Intoleranz: dein Hund kommt mit Artgenossen in Konflikt, ohne dass ein Auslöser im engeren Sinne da sein muss. Doch wenn man genau hinguckt, gibt es für die Unverträglichkeit meist sehr logische Gründe.

Zudem gibt es einen großen Unterschied zwischen Unverträglichkeit und Leinenaggression. An der Leine ist das Setting künstlich eng. Lässt man die Leine weg, kann der Hund auf einmal ganz normal kommunizieren. Bei wirklich unverträglichen Hunden ändert das nicht wirklich etwas: Ein Hund kann grundsätzlich gut erzogen sein, bei Hundebegegnungen aber in jeden Konflikt gehen. Auch im selben Haushalt kann es „plötzlich“ zu ernsten Auseinandersetzungen kommen, bis hin zu einem Punkt, an dem man Hunde dauerhaft trennen muss. Zudem gibt es auch Unverträglichkeiten zwischen gleichgeschlechtlichen Hunden — Rüden, die nur mit Hündinnen verträglich sind zum Beispiel, und umgekehrt. Manchmal sind es auch bestimmte Charaktereigenschaften, Größe oder sogar Farbe des anderen Hundes, die Aggressionen auslösen.

Leben mit unverträglichem Hund

Wenn der Hund, meistens nach Beginn der Geschlechtsreife, das erste Mal aggressiv gegenüber einem anderen wird, sind wir oft geschockt. Ähnliche Situationen hat er bis jetzt ja gut gemeistert und hat so etwas „noch nie gemacht“. Wir beginnen, an unserer Erziehung zu zweifeln, haben ihn doch nach Lehrbuch sozialisiert und in der Hundeschule wurde auch gesagt, dass regelmäßige Hundekontakte sehr wichtig sind für die Sozialisation. Aber ganz so einfach ist es nicht. Oft richtet man damit mehr Schaden an, als man denkt. Szenen, die man in dem Kontext beobachten kann, sind zum Beispiel:

  • Im Hundeauslauf: steife Körperhaltung bei Kontakt, leises Knurren, Ressourcenaggression bei Bällen, Stöcken und Futter, Eifersucht gegenüber anderen Hunden, wenn es um Aufmerksamkeit geht
  • Im eigenen Haushalt mit Zweithund: ständige Spannung, Blockieren von Wegen, gegenseitiges Anrempeln, Mobbing, Futterneid, Meiden des anderen Hundes oder gegenseitiges Hochpuschen
  • Im Freilauf auf Spaziergängen: Besonders bei Frontalbegegnungen steigt die Spannung, der Hund wird erst langsamer, sucht dann aber die Konfrontation oder geht sofort auf den anderen los
  • Selektive Unverträglichkeit: Zum Beispiel wenn am Gartenzaun der Nachbarshund kläfft und beide später auch draußen anfangen, aufeinander zu reagieren
  • Mit bekannten Hunden: Das kommt meistens schleichend. Oft sogar „beste Freunde“, die von Welpe an „so schön gespielt“ haben und aus Spiel dann plötzlich Kampf wird. Besonders häufig bei gleichaltrigen, gleichgeschlechtlichen oder ähnlich energetischen Hunden
  • Mit gleichgeschlechtlichen Artgenossen: ein häufiges Muster bei Rüden unter Rüden, seltener bei Hündinnen, dafür aber oft viel ernster

Wie Unverträglichkeit entsteht

Es gibt selten „den einen“ Grund für Unverträglichkeit, aber es gibt auf jeden Fall begünstigende Faktoren. Genetische Veranlagung spielt natürlich eine sehr wichtige Rolle — viele Rassen und Typen wurden über zig Generationen auf Intoleranz gegenüber anderen Hunden selektiert. Ziehen wir den Pitbullwelpen dann genauso groß wie einen Labrador, sind spätere Probleme oft vorprogrammiert. Und dabei muss der Hund nicht eine einzige schlechte Erfahrung mit anderen Hunden gemacht haben. Aber auch bei „weicheren“ Rassen kann es zu massiven Problemen mit anderen Hunden kommen, wenn wir keine Rücksicht auf ihre Persönlichkeit nehmen und die Signale, die eigentlich von Welpe an erkennbar sind, übersehen.

Auch in der Mehrhundehaltung unterschätzen wir oft einiges. Hunde suchen sich ihre Mitbewohner selten aus. Zwei Hunde, die nicht gut zusammenpassen, müssen oft immer wieder ihre Beziehung verhandeln — was der Mensch oft übersieht. Wenn die Zuständigkeit über Raum, Ressourcen, Schlafplätze und Zuwendung unklar ist, tragen die Hunde den Konflikt untereinander aus, statt die Verantwortung an den Menschen abzugeben. Es ist leider nicht immer so easy wie „die verstehen sich halt einfach nicht“, sondern oft eine Beziehungsstörung zwischen den Hunden, die niemand moderiert hat. In manchen Fällen passt die Konstellation auch einfach nicht — und auch das muss man aussprechen dürfen, ohne dass es gleich menschliches Versagen ist.

„Wir haben alles versucht“

Wenn es erstmal geknallt hat, versuchen wir natürlich, etwas zu ändern. Kontakte meiden, weil weniger Kontakt weniger Konflikt bedeutet. Eine Raufergruppe besuchen, weil sie gern damit beworben wird, den Hund wieder besser verträglich zu machen. Leckerchen werfen, sobald ein anderer Hund in Sicht kommt, weil erzählt wird, dass man damit eine positive Verknüpfung schafft. Abbruchsignale auftrainieren.

Nur selten führt etwas davon zum Erfolg, weil das Problem meistens viel tiefer liegt. Hunde sind keine dummen Konditionierungsmaschinen und haben für Verhalten ihre Gründe, die nicht einfach so verschwinden. Konditionierung allein — Kommandos, Leckerchen, Ablenkung, Abbruch — überschreibt kein Muster, das aus Erfahrung, Genetik und Setting gewachsen ist. Symptombekämpfung funktioniert selten bei tiefsitzenden sozialen Konflikten.

Wie ich an Unverträglichkeit arbeite

Tatsächlich fange ich, wie auch bei den anderen Themen, nicht dort an, wo man es erwarten würde. Während bei manchen Hunden die Unverträglichkeit nur ein Symptom für viele andere, nicht so offensichtliche Probleme ist, ist sie bei anderen Ausdruck ihrer komplett missverstandenen Persönlichkeit. In fast allen Fällen ist die tatsächliche Unverträglichkeit mit Hunden nicht das Hauptproblem. Und nachdem ich euch eingeschätzt und den Kontext erklärt habe, vielleicht gar kein Problem mehr.

Im Einzeltraining gehe ich von Anfang an in die Tiefe: nicht nur in eure Beziehung, sondern vor allem auch in die Persönlichkeit und Genetik deines Hundes. Ich schaue auf seine Erfahrungen und mache einen individuellen Plan, der ihm mehr Stabilität und Lösungen gibt. Ich arbeite an deinem Handwerk und verbessere deine Fähigkeit, deinem Hund Sicherheit in unterschiedlichen Situationen zu geben. So entsteht das eigentliche Fundament, auf dem ich dann — je nach Typ — auch Hundekontakte neu aufbauen kann. Aber eben nicht mehr wahllos, sondern mit Verstand und an deinen Hund angepasst.

Was für euch wirklich realistisch ist, besprechen wir ebenso bei unserem Termin. Ich arbeite nicht mit leeren Versprechen, sondern mit Zielen, die man auch erreichen kann.

Sicherheit geht vor Sozialisierung

Bei Hunden, die in Konflikte gehen, steht am Anfang immer die Sicherheitsfrage. Maulkorb, Leinenmanagement, räumliche Trennung im Haus, andere Spazierzeiten. Das klingt nach Kapitulation. Ist es nicht. Es ist die Voraussetzung dafür, dass die eigentliche Arbeit überhaupt stattfinden kann. Trainieren wir unter Druck, stressen wir uns und den Hund nur noch mehr und landen mit etwas Pech in einer Abwärtsspirale.

Ich werde also nicht einfach irgendwas ausprobieren oder Konflikte provozieren. Ebenso bin ich gar kein Freund von Raufergruppen oder Sozialkontaktstunden, mit sehr wenigen Ausnahmen — denn lernen tun Hunde von denen, die es können, und nicht von anderen Ahnungslosen. Das ist nur ein Aspekt von vielen, die für mich dagegen sprechen, solche Gruppen anzubieten. Zudem gibt es Rassen und Mixe, die so wenig auf Sozialkompetenz ausgelegt sind, dass so etwas geradezu fahrlässig wäre. Deswegen wird das Vorgehen so individuell entschieden, wie es jedes Mensch-Hund-Team eben braucht.

Wann Einzeltraining sinnvoll ist

Wenn du das Verhalten deines Hundes nicht mehr verstehst oder nicht weißt, wie du ihm helfen kannst. Wenn du nicht weißt, wie du deine Hunde im Haushalt zusammenführen kannst. Wenn es schon gekracht hat und du nicht weißt, wie du so etwas verhindern sollst, dann ist ein Einzeltraining der richtige Schritt. Im Ersttermin von zwei bis drei Stunden schaue ich mir euch zusammen an und wir machen einen Plan, der alltagstauglich ist.

Danach entscheiden wir, ob ein Kontrolltermin reicht oder in manchen Fällen ein Bootcamp-Aufenthalt das Setting bietet, das du im Alltag nicht herstellen kannst. Wer mehr über die starken Hunde lernen will, findet im Seminar Special Dogs — Leben mit Kampf- und Wachhunden einen passenden Rahmen. Die Preise findest du hier auf der Seite, die FAQ beantwortet die meisten organisatorischen Fragen.

Wenn du einen Vertreter der Molosser und Bullyrassen hast, bei Leinenaggression oder bei Beutetrieb, lohnt sich der Blick dorthin — Probleme sind meistens vielschichtig, und Unverträglichkeit verschärft sich oft, wenn Leinen-, Status- oder Beutethemen dazukommen. Eine Übersicht zu allen Themen und weitere Einordnungen findest du im Bereich Wissen.

Nächster Schritt

Erst verstehen, dann trainieren

Die Videothek hilft dir, Hundeverhalten genauer einzuordnen. Wenn es bei euch schon gekracht hat oder du mehrere Hunde im Haushalt hast, ist Einzeltraining der richtige nächste Schritt.