Eine gute Beziehung braucht mehr als Leckerchen

Als Trainer wird man oft gefragt, nach welcher Methode man arbeiten würde. Kein Wunder, es sind zahlreiche Methoden auf dem Markt – jede behauptet, die einzig richtige zu sein und hat meist einen wohlklingenden englischen Namen. Wonach soll man sich da richten?

Wir haben uns mit den gängigen Methoden intensiv beschäftigt – doch während unserer Arbeit mit Hunden sind wir schnell zu dem Entschluss gekommen, dass die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegt. Hunde funktionieren nunmal nicht nach Schema F, denn jeder Hund ist anders und was bei einem zum Erfolg führt, muss noch lange nicht beim anderen klappen. Es ist also wichtig, je nach Hund individuell zu entscheiden, wo man ansetzt. Jedoch gibt es gewisse Grundsätze, von denen wir aufgrund unserer Erfahrung fest überzeugt sind und die unserer Meinung nach in der momentan herrschenden Methoden-Flut oft vergessen werden.

– Hunde sind in erster Linie Tiere und reagieren für ein Tier zu 100% adäquat – auch wenn es manchmal auf den ersten Blick nicht so scheint.

– Hunde brauchen Führung, Sicherheit und vor allem Ruhe, um entspannt durchs Leben zu gehen. Kein Tier in freier Wildbahn neigt dazu, so zu überdrehen, wie unsere Haushunde… und dafür gibt es Gründe!

– Bei einer wirklich guten Beziehung braucht man keine Erziehung (Konditionierung) mehr. Das glauben Sie nicht? Gerne überzeugen wir Sie!

– Wir möchten, dass die Besitzer unsere Anweisungen nicht befolgen, weil wir es ihnen sagen – sondern, weil sie den Sinn dahinter verstanden und verinnerlicht haben. Also – stellen Sie Fragen!

Wir halten es für falsch, den Hund mit Gewalt und militärischem Drill zu erziehen, und sind ebenso dagegen Hunde in Watte zu packen, denn beides ist absolut unnatürlich. Wir sollten uns danach richten, was die Natur uns vorgibt und das basiert in erster Linie auf deutlicher Kommunikation, Ruhe und Vertrauen. Wir setzen auf klare Körpersprache und möchten den Menschen darin schulen, mit dem Hund intuitiv zu kommunizieren, Grenzen zu setzen und Vertrauen zu schaffen – auch mal ganz ohne verbale Kommandos.

Lost in Translation?

Erfahrungsgemäß ist der Grund für die meisten Probleme zwischen Mensch und Hund eine unklare Kommunikation. Der Hund will uns etwas klarmachen, wir verstehen es falsch und reagieren für den Hund absolut inadäquat. Der erste Schritt bei jedem Problem ist also immer die Ursachenforschung. Hunde tun Dinge nicht „einfach so“ oder nur um uns zu ärgern – sie tun es, weil sie Erfolg damit haben, weil sie es nicht besser wissen oder weil es ihnen an Führung fehlt. Und das erkennt der Mensch oft nicht. Wussten Sie, dass Hunde es als Belohnung empfinden können, wenn man mit ihnen schimpft? Oder an der Leine ruckt? Oder dass Streicheln auch eine Strafe sein kann?

Haben Sie sich schonmal gefragt, warum ein Hund bei Frauchen wie verrückt an der Leine zieht und pöbelt, und bei Herrchen nicht?

Es liegt uns viel daran, in erster Linie an der Beziehung zwischen Mensch und Hund zu arbeiten, bevor man an Erziehung denkt. Viele Probleme erledigen sich von alleine, wenn das Verhältnis zum Hund stimmt. Das bedeutet, dass Konditionierung (Sitz=Leckerchen) bei uns eine recht unbedeutende Rolle spielt. Denn arbeitet man ausschließlich nach diesem Prinzip, hat man schnell einen „dressierten“ Hund, der aber schnell vergisst, dass er „eigentlich alles kann“, sobald man keine Leckerchen dabei hat oder in eine brenzliche Situation gerät.

Das einzige also, was man über Hundeerziehung und -beziehung allgemein sagen kann, ist wohl, dass es viel mehr ist als Lob und Strafe, es ist ein weites spannendes Feld, das Schubladendenken nicht zulässt. Und gerade deswegen macht es so viel Spaß 🙂


Da uns dieses Thema sehr am Herzen liegt, möchten wir betonen, dass für uns ein Hund in erster Linie ein Hund ist – unabhängig davon, welcher Rasse er angehört. Gerade die Listenhunde haben ein Recht auf eine gute Erziehung, denn auf ihnen liegt leider das Augenmerk der Gesellschaft. Dass sich mittlerweile sogar Hundetrainer von den mangelhaft recherchierten reißerischen Presseberichten beeinflussen lassen und Hunde bestimmter Rassen ablehnen, ist für mich weder vertretbar noch nachvollziehbar, denn gerade sie sollten wissen, dass das Problem meist am anderen Ende der Leine zu finden ist.